Heiß diskutiert: Künstliche Intelligenz

Das Thema Künstliche Intelligenz in der Arbeitswelt spaltet die Meinungen. Auf der einen Seite stehen die Befürworter, die in KI-Systemen den Wohlstandsbringer der Menschheit sehen, auf der anderen Seite die Kritiker, die in intelligenten Systemen einen Jobvernichter für ganze Branchen sehen. Hier haben wir exemplarisch einige Posts auf unserer Facebook-Seite zu diesem Thema zusammengetragen:

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kuenstliche Intelligenz leserkommentar

 

Eine grundlegende Überlegung zu den Auswirkungen der Automatisierung auf die Gesellschaft

auswirkung automatisierungStellen Sie sich vor Sie wären Landwirt um 1900 irgendwo auf dem Deutschen Land. Zu dieser Zeit lag der Anteil der in der Landwirtschaft tätigen Bevölkerung bei 38% der Gesamtbevölkerung.

Nun stellen Sie sich zudem vor, jemand aus dem Jahr 2000 wäre zu Ihnen gekommen und hätte Ihnen erklärt, dass im 21. Jahrhundert nur noch 2% der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig seien — dabei jedoch die vierfache Produktivität erwirtschaften.

Voraussichtlich hätten Sie die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und gesagt: “Zum Glück werde ich diese Katastrophe nicht erleben. Massen werden keine Jobs mehr haben.”

Sie hätten damals selbstverständlich nicht ahnen können, dass Menschen irgendwann einmal Landmaschinen herstellen oder Gummireifen für Traktoren oder nach veganen Alternativen für Schweineschnitzel forschen.

Noch weniger hätten Sie ahnen können, dass Ihre Nachfahren in der Softwareentwicklung tätig sein werden oder als private Fitness-Trainer ihr Geld verdienen oder in Berlin Prenzlauer Berg eine Smoothie-Bar betreiben werden.

Dies ist die langfristige Sicht auf die Auswirkungen von Veränderungen in unserem Wirtschaftssystem. Was wir damit sagen wollen: Die Wirtschaft entwickelt sich ständig weiter und es entstehen ständig neue Geschäftsfelder. Mit jeder Weiterentwicklung entstehen völlig neue Unternehmen und mit jedem bahnbrechenden Unternehmen entstehen völlig neue Branchen und alte Branchen verändern sich grundlegend.

Aus volkswirtschaftlicher Sicht brauchen wir uns keine Sorgen machen, solange wir uns dem Fortschritt nicht verschließen. Sonst werden wir — wie es oben jemand trefflich in einem Kommentar geschrieben hat — “überrollt” werden.

 

Die Branche steht vor einem massiven Wandel

2013 haben Carl Frey und Michael Osborne die Studie „The Future of Employment: How susceptible are jobs to automation’ veröffentlicht, in der die Wahrscheinlichkeiten für den Wegfall existierender Jobs durch Automatisierung beschrieben wird. Der Beruf “Buchhalter” wird dort mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit angegeben.

Wir hingegen sehen in Intelligenten Systemen eine enorme Chance den Berufszweig von seinem staubigen Image zu befreien und aufzuwerten. Gerade im Bereich Accounting werden viele neue Jobs entstehen, die jedoch völlig anders aussehen werden als diejenigen, die wir heutzutage kennen.

Wir dürfen zudem nicht vergessen: Der Nachwuchs an Buchhaltern möchte nicht zu einem überwiegenden Teil Daten in Systeme eingeben — genau aus diesem Grund sprechen wir heute von einem Fachkräftemangel im Buchhaltungsbereich.

Der Nachwuchs ist digital aufgewachsen und kann mit modernen Technologien umgehen. Er hat grundlegende Kenntnisse über die Funktionsweise von Software-Systemen. Dieser Trend hin zu “Technisierung” von Jobs wird sich immer mehr verstärken, je mehr der technische Anteil in den Ausbildungen steigt.

 

Völlig neue Jobarten entstehen durch Künstliche Intelligenz

Mit dem Wandel entstehen völlig neue Arten von Jobs, an die wir heute noch gar nicht denken. Intelligente Systeme werden Aufgaben durchführen und diese werden von Menschen ergänzt. Im Ergebnis werden wir eine Effizienz sehen, die nach heutigen Maßstäben nicht vorstellbar ist. Ein intelligentes System könnte z. B. im Forensic Accounting aus Millionen von Geschäftsvorfällen wenige hundert mit verdächtigen Patterns herausfiltern. Ein menschlicher Analyst könnte dann seine komplette Arbeitszeit dafür verwenden, diese hochfokussiert zu analysieren und zu hochwertigeren Ergebnissen zusammenzuführen.

Nach Wilson, Daugherty und Morini-Biazino (vgl. “The Jobs That Artificial Intelligence Will Create”) können diese neu entstehenden Jobs in drei Kategorien unterteilt werden: Trainer, Analysten und Bewahrer.

 

Kategorie 1: Die “Trainer”

Trainer bringen Systemen mit Künstlicher Intelligenz (KI-Systemen) die grundlegende Performance bei. Auf der einen Seite helfen sie den Systemen, weniger Fehler zu machen, auf der anderen Seite bringen sie ihnen bei, menschliche Einschätzungen zu imitieren.

Ein Trainer hat z. B. die Aufgabe, einem intelligenten System beizubringen, wann ein Sachverhalt auf die eine und wann auf die andere Weise zu bewerten ist.

Beispiel:

Stellen wir uns vor eine Rechnung über Software-Entwicklung (die noch nie vorher eingegangen ist) geht in einem Accounting-System ein und die Software erkennt die entsprechende Position.

  1. Bewertung des Sachverhalts ohne Trainer
    Das Accounting-System würde sich beim Benutzer melden: “Ich habe die Position ‘Software-Entwicklung’ erkannt. Soll ich dies als Aufwand oder als aktivierte Eigenleistung verbuchen?
  2. Bewertung des Sachverhalts mit Trainer
    Das Accounting-System würde sich beim Benutzer melden: “Ich habe die Position ‘Software-Entwicklung’ erkannt. Aufgrund ähnlicher Rechnungen, die du erhalten hast, schlage ich vor, dass wir dies als aktivierte Eigenleistung verbuchen. Zudem nehme ich die Abschreibung über fünf Jahre vor. Bist du einverstanden?”

Es wird schnell klar, dass Menschen, die in diesem Bereich arbeiten, zum einen über sehr gute Buchhaltungskenntnisse als auch über Technisches Wissen verfügen müssen.

 

Kategorie 2: Die „Analysten“

Machine Learning Systeme werden für viele Menschen eine Black Box darstellen. Insbesondere wenn diese Systeme Handlungsempfehlungen geben, die ein Mensch auf den ersten Blick so nicht gegeben hätte, ist Klärungsbedarf notwendig. Hier sind Sachverständige gefragt, die die Entscheidungen des Systems herleiten können.

Analysten schließen diese Lücke zwischen Technikern auf der einen und Kaufleuten auf der anderen Seite. Analysten vermitteln Klarheit und erklären die Entscheidungen komplexer KI-Systeme. Sie sind dafür verantwortlich, Ergebnisse eines Systems jederzeit transparent darstellen zu können. Wenn ein System einen Fehler macht oder wenn die Handlungsempfehlung des Systems negative Konsequenzen hat (z. B. eine falsche Steuerzahlung) muss ein Analyst in der Lage sein, die Fehlerquelle zu finden und das System entsprechend zu korrigieren.

Menschen in diesem Bereich müssen hohe Kompetenz in der Buchhaltung aber auch in technischer Hinsicht haben, um gezielte Fehlersuchen durchführen zu können und um die Ergebnisse erklären zu können.


Exkurs

Für den interessierten Leser findet sich hier ein spannender Artikel über das Local Interpretable Model-Agnostic Explanations (LIME) — mit dieser Technik kann ein Analyst erklären, wieso ein Sachverhalt durch Künstliche Intelligenz entsprechend bewertet wurde.

bestimmte technik fuer eine analyse


Kategorie 3: Die „Bewahrer“

Bewahrer stellen sicher, dass bestehende KI-Systeme so funktionieren, wie programmiert und entstehende Fehler mit entsprechender Priorität beseitigt werden.

Im Accounting-Bereich wäre dies ein “System Compliance Manager”. Dieser stellt sicher, dass sämtliche lokale handels- und steuerrechtliche, datenschutzrechtliche sowie ethische Rahmenbedingungen von den Systemen eingehalten werden.

Beispiel

Es sei ein Unternehmen, das nicht vollständig zum Vorsteuerabzug berechtigt ist. Dieses Unternehmen würde nun Rechnungen über sonstige Leistungen von bestimmten ausländischen Unternehmern erhalten. Ein System, das auf Künstlicher Intelligenz basiert, würde unter Umständen zwar die Anwendung des Reverse Charge Verfahrens erkennen, aber nicht die richtigen Schlüsse daraus ziehen und die Umsatzsteuerlast nicht zutreffend ermitteln. Dies könnte für das Unternehmen ein Compliance-Risiko darstellen, da es seinen steuerrechtlichen Pflichten nicht sachgerecht nachkäme.

Der Compliance Manager würde dies bemerken und vielleicht mit einem Analysten zusammenarbeiten, um die Gründe für das Resultat zu untersuchen und die entsprechenden Einstellungen in der Software zu korrigieren.

Trotz der Weiterentwicklung intelligenter Systeme werden gerade im Accounting-Bereich menschliche Compliance Manager eine kritische Rolle im Monitoring spielen und helfen, dass KI-Systeme auch bei Änderungen der äußeren Einflüsse, wie z. B. Gesetzesänderungen, planmäßig funktionieren.

 

Fazit

Wir denken, dass Künstliche Intelligenz und intelligente Systeme nicht mehr aufzuhalten sind. Diese KI-Systeme übernehmen auf der Erfassungsseite menschliche Arbeit, erschaffen jedoch auf der Bewertungsseite neue Jobs. Personen in diesen neu erschaffenen Job-Kategorien müssen sowohl über sehr gute Buchhaltungskenntnisse als auch über technisches Wissen verfügen. Die Herausforderung wird sein, unser Wirtschafts- und Ausbildungssystem darauf umzustellen.

Schaffen wir es, brauchen wir keine Angst vor Künstlicher Intelligenz zu haben. Unser (Arbeits-)Leben wird dadurch angenehmer.


 

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